Israel 6: Die letzten paar Wochen und wieder „zu Hause“

Auch von den letzten paar Wochen meines Aufenthaltes in Israel gibt es einiges zu berichten, das sich nicht unter „Alltagsgeschehen“ zusammen fassen lässt. Ich feierte Tu Bischwat, das Neujahrsfest der Bäume, an dem es üblich ist Bäume zu planzen, im Kibbuz und pflanzte zu diesem Zweck auch mit ein paar Freund_innen ein paar schöne Pflänzchen.

Ich war beim Heimspiel von Hapoel Tel Aviv gegen Beitar Jerusalem. Eine interessante Begegnung, denn Hapoel ist als weltoffener Fußballverein mit einer antifaschistischen und linken Fanszene bekannt, wohingegen Beitar Jerusalem besonders durch die rassistischen Ausfälle seiner Fangruppen auffällt. Leider verlor Hapoel die Partie mit 0:2. Es war dennoch eine nette Erfahrung, besonders da ich über einen befreundeten Volontär aus Deutschland einen organisierten Hapoel-Ultra kennen lernen durfte, der uns für „umme“ Karten für den Fanblock besorgte.

Ich schrieb meinen Abschlusstest im Ulpan und absolvierte den mündlichen Abschlusstest um ein Zertifikat vom israelischen Bildungsministerium zu bekommen, welches mir meine Hebräischkenntnisse bescheinigt. Beide Tests liefen wesentlich besser als erhofft und mittlerweile kenne ich auch meine Ergebnisse schon. Ich erzielte die bestmögliche Note, bin damit wesentlich über meinem Ziel gelandet und habe mir ein ganz guten Basiswortschatz und sprachliche Grundkenntnisse aneignen können (- zumindest für die Sicherheitsbefragungen am Flughafen in Tel Aviv sollte mein Hebräisch später reichen).

Wir feierten im Ulpan unseren Abschied. Das war ein ganz besonderer Abend, sollte ich viele meiner Mitschüler_innen dort zum (vorerst) letzten Mal sehen. Viele traf ich allerdings auch danach noch mal (z.B. zufälligerweise in Tel Aviv oder beim Super Bowl schauen im Pub des Kibbuz‘). Ich bin gespannt wie es diesen Menschen in der Zwischenzeit ergangen ist, ob bei der Arbeit, in der Armee oder im Studium und freue mich auf ein Wiedersehen mit vielen, denn einige sind mir sehr ans Herz gewachsen und ich kann sie guten Gewissens sehr gute neue Freund_innen nennen. 

Damit war der Ulpan vorbei und mein Restprogramm ausschließlich selbst organisiert.

Zwei weitere Male besuchte ich noch auf eigene Faust Jerusalem. Beim ersten Mal schaute ich mir in der Mikveh eine der allmontaglichen Drag-Shows dort an. Die von mir besuchte Show war sehr unterhaltsam. Ich würde, wenn ich mal wieder an einem Montag in Jerusalem bin, definitiv wieder hin gehen und kann den Besuch einer solchen Drag-Show nur jeder_m empfehlen. Sie wird wirklich nicht langweilig, ist auch ohne oder mit dürftigen Hebräischkenntnissen gut zu verstehen und veranschaulicht zudem noch die Art und Weise vieler Israelis die Shoa zu verarbeiten, denn sobald sich herausstellt, dass Deutsche unter den Besucher_innen sind, wird keine Gelegenheit ausgelassen Nazi- und Shoawitze zu machen.

Das zweite Mal schaute ich nur kurz in Jerusalem vorbei um von dort aus den Bus in die West Bank – genauer gesagt nach Ramallah – zu nehmen. Ich traf mich am arabischen Busbahnhof mit meinen beiden (israelischen) Begleiter_innen, die sich illegalerweise mit mir auf den Weg machten.
Es war eine interessante Fahrt in einem Bus, gefüllt mit arabischen Israelis, ein paar europäischen Tourist_innen, zu denen man ja auch mich zählen kann und zwei israelischen Jüd_innen, getarnt als rumänische Touristin und amerikanischer Tourist und mit eben solchen Pässen unterwegs. Wir trafen die Abmachung so lange wir uns in der West Bank aufhielten oder im Bus saßen im Interesse der beiden Israelis kein Wort auf Hebräisch („Gaga“) zu wechseln und uns möglichst touristisch aufzuführen. Der zweite Punkt war nicht einmal sonderlich einfach, da ich Ramallah als eher langweilige Stadt bezeichnen würde, in der alle Sehenswürdigkeiten innerhalb von zwei Stunden abgeklappert werden können, was wir auch taten und uns dann etwas zu essen in einem der zahlreichen Cafés Ramallahs suchten. Wir gingen noch auf den Markt und machten uns dann relativ bald wieder auf den Weg nach Jerusalem.
Am Checkpoint zwischen pal. Autonomiegebieten und Israel, mussten wir noch etwa eine Stunde verbringen, da mein „amerikanischer“ Begleiter mit einem Aliyah-Visum in seinem Pass als Israeli identifiziert werden konnte, sich daher Belehrungen durch Polizist_innen und Soldat_innen anhören musste und mit der Drohung konfrontiert wurde, dass eventuell Ermittlungen gegen ihn eingeleitet würden, weil es (jüdischen) Israelis verboten ist in die West Bank zu fahren. Glücklicherweise konnten wir dann aber bald weiter nach Jerusalem fahren.

Ich ging auf zwei Roadtrips – einen mit zwei Ulpan-Mitschüler_innen von Tel Aviv aus nach Caesarea, über Haifa ins Hula Valley, in den Kibbuz Neve Eitan, wo zwei Freunde von mir von ihrem Lone Soldier-Unterstützungsprogramm untergebracht sind und letztendlich am See Genezareth vorbei zurück nach Tel Aviv.
Den Zweiten mit einer deutschen Gruppe – einem Deutschen Volontär und drei Besucherinnen. Wir fuhren (wieder einmal) über Caesarea nach Haifa, wo wir Zimmer im Beit Scandinavia bezogen. Das Haus ist ein Gästehaus für „christian believers“ und finanziert sich über Spenden. Wer also auf einer Reise durch Israel (sehr) günstig (wer gar nichts hat, auch gratis) in Haifa unterkommen will und kein Problem mit zwangsneurotischen Verantwortlichen und einem Gebet am Frühstückstisch hat, dem_der sei das Beit Scandinavia empfohlen – anderen Menschen eher nicht. Von dort machten wir Tagesausflüge u.a. in die Innenstadt Haifas, nach Akko, Rosch HaNikra, in den Golan, an den See Genezareth und schließlich ein aller letztes Mal nach Kiryat Gat.

Danach waren auch nur noch wenige Tage in Israel übrig. Die weiteren Stationen waren Kibbuz Naan, Jerusalem und Tel Aviv – einfach um alles noch ein letztes Mal gesehen zu haben und um meiner Begleitung, die mich aus Israel „abholte“, noch zeigen zu können, wo ich mich die fast sechs Monate über immer so rumgetrieben hatte.

Der Rückreise war eher unspektakulär, die Sicherheitskontrollen gewohnt streng und auslaugend, wobei ich mich aber darüber freuen konnte, dass ich den Großteil der Kontrollen auf Hebräisch absolvieren konnte und die mich kontrollierenden Menschen nett und hilfsbereit waren und ich mich gut mit ihnen unterhalten konnte, so dass das ganze Taschenleeren und wieder -befüllen und das Interview sogar fast noch Spaß machten.
Auf jeden Fall mehr Spaß als in Berlin bei Minusgraden und Schnee aus einem Flieger zu steigen, den ich in Tel Aviv bei T-Shirt-Wetter bestiegen hatte und dann festzustellen, dass man keine Winterklamotten dabei hat. Das Leid konnte glücklicherweise dadurch gelindert werden, dass ich und meine Begleitung bei sehr netten Leuten unterkommen konnten. Dennoch – schon am ersten Abend, den ich nicht mehr in Israel war, vermisste ich es. Seit diesem Abend, der mittlerweile auch schon fast einen Monat zurück liegt, hat sich an diesem Zustand nicht viel geändert.

Israel 5: Ferien von Weihnachten

Shalömchen! Seit einiger Zeit ist es im Süden des Landes wieder etwas ruhiger. Wie (leider) gewohnt fliegen ab und an Geschosse aus dem Gazastreifen auf israelisches Territorium, doch die Zeiten in denen ein großer Teil der Bevölkerung die Nächte in Bunkernähe oder gar im Bunker verbrachten, sind vorerst vorüber.

Da ich aufgrund dieser Umstände, während die IDF ihre Operation Pillar of Defense durchführte nicht herumreisen konnte, habe ich das Reisen während der letzten
Wochen nachgeholt.

Ich habe mal wieder Freund_innen in Jerusalem besucht und konnte u.a. das unterschätzte Jerusalemer Nachleben erleben. Ich war in Tel Aviv, wo ich das vollkommen zurecht gepriesene Nachtleben erleben konnte, und bei Freund_innen in Kiryat Gat, wo ich gar kein Nachtleben erleben konnte, da es so etwas dort nicht zu geben scheint und wir in den Bars und Pubs der umliegenden Kibbuzim nicht willkommen zu sein schienen. Nett hatte ich es dort dennoch.

Ich feierte Chanukka hier im Kibbuz und es war wohl das netteste Feiertagserlebnis hier im Kibbuz. Es unterschied sich nicht so eklatant von der Ausführung der Festlichkeiten zu anderen jüdischen Feiertagen hier, aber doch war es irgendwie anders – intensiver und gemeinschaftlicher.

Die Festwoche fing für mich mit einer Kibbuztradition an: einem „Marathon“, an dem jedes Jahr Ulpanschüler_innen und Kibbuzbewohner_innen im Alter zwischen 15 und 17 teilnehmen. Ein Marathon war es im Endeffekt aber nicht wirklich: Es war ein 24km-Lauf angesetzt, aber der Regen an jenem Tag hatte zur Folge, dass die Strecke auf 9km verkürzt werden musste. Als nicht allzu sportliche Person war ich ganz froh darüber und muss sagen, dass die Teilnahme sich gelohnt hat. Nicht nur, dass ich weitere jüngere Kibbuzniks kennenlernen konnte, sondern auch, dass ich einen Eindruck von den riesigen Ländereien des Kibbuz‘, durch die die Strecke ausschließlich führte, bekommen konnte, gefiel mir.
Am Abend blieb es dann auch uns als Lauf-Gruppe vorbehalten die erste der 8 Kerzen der Chanukkia zu entzünden und es gab typische Chanukkaspeisen: Sufganiot (etwas ähnliches wie Berliner) und Latkes (Kartoffelpuffer).
In der darauf folgenden Woche entzündeten wir jeden Abend gemeinsam die nächste Kerze der Chanukkia, sangen zusammen und aßen zusammen.
Chanukka in Israel in einem Kibbuz zu feiern war auf jeden Fall etwas besonderes für mich.

Nach dem Ende der Chanukka Woche (eine Woche vor Weihnachten) fuhren wir dann auf unsere Gadna. Gadna steht für „Jewish Youth Brigade“ und ist ein Programm, das in erster Linie für israelische Jugendliche gedacht ist um ihnen einen Einblick in die Armee zu ermöglichen. Das macht auch durch aus Sinn, da die meisten von ihnen nach ihrer Schulzeit sowieso in der Armee dienen müssen. Dementsprechend wird das Angebot auch gerne von vielen Schulen angenommen, die auch noch hoffen ihren Schüler_innen dies als interessante Klassenfahrt verkaufen zu können. Viele israelische Schüler_innen machen in den letzten Jahren vor ihrem Abschluss also eine Gadna mit.

Früh am Morgen machten wir uns mit dem Bus auf den Weg Richtung Norden und kamen zwei Stunden später in einer Armeebasis in Galiläa an. Wir wurden – geschlechtergetrennt – in Gruppen von um die zwölf Menschen (Zewet) eingeteilt, bekamen eine Kommandantin (Mefakedet) zugewiesen und es wurden Uniformen ausgehändigt. Vier Tage sollten wir in dieser Basis verbringen. Mit sieben anderen Menschen in einem Raum kam Jugendherbergsfeeling auf und die ausgehändigten Armeeschlafsäcke machten Angst vor Flöhen und Ungeziefer anderer Art.
Nach der Zuweisung der Räume ging dann auch schon der Drill los. Was wir auch in unserer Zewet machen mussten, unsere Mefakedet gab uns zur Ausführung von Befehlen grundsätzlich ein Zeitlimit, egal ob zum Aufstellen in zwei Reihen oder zum Putzen der Toiletten, ob in der Standardformation „ח“ (in Deutschland würde es wohl heißen: „Stellt Euch in einem „U“ auf) oder gar zu trinken. Das war zwar relativ ätzend, zumal man* auch bestraft wurde, wenn man* nach der gegeben Zeit nicht stillstand (Liegestützen, Runden laufen oder Putzen wenn alle anderen frei bekamen), doch gewöhnte ich mich gruseligerweise ziemlich schnell daran. Es stärkte sogar das Gemeinschaftsgefühl und man* fühlte sich selbst verantwortlich dafür, dass die Mefakedet auch keinen Anlass hatte die anderen Mitglieder der Zewet zu bestrafen (beispielsweise wegen ungefüllter Wasserflaschen oder wenn das Hemd der Uniform nicht in der Hose steckte).
Abgesehen vom Essen, dem manchmal sehr strengen Drill und anderen Unerträglichkeiten, wie z.B. der Tatsache, dass es uns nach dem Schlafen gehen nicht mehr erlaubt war auf die Toilette zu gehen (,woran sich glücklicherweise niemand hielt; Erwachsenen Menschen den Klogang nicht erlauben zu wollen, ist schon ein ziemliches Ding), hatte ich auch eine Menge Spaß. Beispielsweise als wir einen Tag außerhalb der Kaserne verbrachten, die Aufgabe bekamen uns bestmöglich zu tarnen (mit Schlamm im Gesicht und Olivenzweigen in allen Knopflöchern der Uniform) und Verstecken spielten, als wir mit Stöcken (Gewehr) und Steinen (Granaten) „bewaffnet“ Gefechtssituationen simulieren mussten, aber auch als wir am letzten Tag auf dem Schießstand zehn Schüsse aus einem M-16 abgeben durften (was für mich, der pazifistisch aufgewachsen ist, eine interessante, aber auch gruselige Erfahrung war.).
Ich habe viel gelernt über die Armee, die vielen verschiedenen Einheiten, das Leben als Soldat_in und vor allem kann ich verstehen, dass die besten Freund_innen, die ein_e Israeli_n üblicherweise hat, Freund_innen aus Armeezeiten sind.
Die Gadna war das Armeeähnlichste, das ich erleben konnte und noch erleben werde. Ich bin dankbar, dass ich diese Erfahrung mitgenommen habe und dass ich sie bei der israelischen Armee – einer leider dringend benötigten Armee – und nicht bei irgendeiner gruseligen anderen Armee mitgenommen habe, auf mehr davon kann ich aber auch gut verzichten.

Golda und Ulpan
Epische Impression von der Gadna: Golda Meir und Schüler_innen des Ulpan Kibbuz Naan (Danke an Freddy !)

Dennoch war es nach der Rückkehr in den Kibbuz erstmal ungewohnt sich wieder in den Kibbuzalltag hineinzufinden. Das klingt komisch, schließlich dauerte die Gadna nur ein paar Tage, aber die Zeit in der Militärbasis unterschied sich einfach so eklatant von allem, was ich bisher so erlebt hatte und war auf eine bestimmte Art und Weise sehr intensiv. Meine Gedanken dazu lassen sich mit der Situation am letzten Tag eines wunderschönen Festivals vergleichen, wenn es sich einfach falsch anfühlt die Zelte abzubrechen und nach Hause zu fahren, weil es einem_r so vorkommt, als wäre man* schon Ewigkeiten da und warum sollte man* denn überhaupt zurück? Damit hat es sich dann aber auch schon mit den Gemeinsamkeiten zwischen Festivals und der Gadna.

Das Programm zur Eingewöhnung war aber auch erstmal nicht allzu hart und es ging auf unseren standardmäßigen monatlichen Ausflug – dieses Mal nach Tel Aviv.
Die Ausflüge zuvor führten uns allesamt an Orte, an denen zumindest die meisten zuvor nicht gewesen waren. Tel Aviv haben wohl aber alle Programmteilnehmer_inne in den fast fünf Monaten schon besucht um zu feiern oder am Strand zu liegen. So war auch – anders als bei den Ausflügen zuvor – kaum jemand voller Aufregung oder großer Vorfreude auf den Ausflug, zumal auch das Programm viele Leuten hier nicht ansprach: ausschließlich Museen: das Diasporamuseum, das Palmach-Museum und die Independence Hall.
Das Diasporamuseum auf dem Campus der Uni in Tel Aviv hat sich zur Aufgabe gemacht die verschiedenen Ausprägungen des Judentum und die unterschiedlichsten jüdischen Identitäten zu berücksichtigen und zu einem großen Ganzen zusammenzufügen. Das Museum gefiel mir gut und ich konnte mich vielseitig informieren. Ganz anders sah dann das Palmach-Museum (der Palmach war eine der bewaffneten jüdisch-zionistischen Organisationen vor der Unabhängigkeit des Staates Israel und somit eine der Vorgängerorganisationen der IDF) aus, das nur aus einer Art Zeitreisetunnel besteht, den man* durchschreitet und in dem an den verschieden Stationen Filme vorgespielt werden. Unsere sehr nette Museumsführerin, die dort gerade ihren Wehrdienst ableistet (ja, auch in Museen mit militärischem Schwerpunkt kann man* von der Armee eingesetzt werden), machte das ganze letztendlich aber ein bisschen erträglicher. Unser Aufenthalt in der Independence Hall zum Schluss des Tages bestand dann im Grunde nur noch aus dem Runtersingen von HaTikva (Die Hoffnung), der israelischen Nationalhymne.
Allzu schlimm war es aber dennoch nicht – ein wirkliches Highlight sollte ja schon am nächsten Tag folgen: Ein Konzert von HaDag Nachash in der Diskothek des Kibbuz‘.
HaDag Nachash ist eine politische israelische Band, die sich selbst als zionistisch bezeichnet und einen Mischmasch aus Rock, Hip-Hop und Ska mit hebräischen Texten spielt. Der Laden war gerammelt voll, es gab keine Vorband, die die Stimmung aufheizen musste und wohl keine Textzeile wurde vom Publikum nicht mitgesungen. An sich gefällt mir diese Art von Musik nicht, dieses Konzert machte mir aber einfach Spaß, weswegen ich mir ein paar Alben der Band besorgt habe und versuche mich reinzuhören, was aufgrund der hebräischen Texte, die besonders viele umgangssprachliche Ausdrücke enthalten, nicht besonders einfach ist.

Das Wochenende darauf bekam ich dann auch schon Besuch von Genoss_innen aus ‘schland, mit dem ich auch Silvester in Tel Aviv verbrachte.

Seitdem hat sich nicht mehr viel getan, außer dass ich mein Problem ein Visum zu bekommen bzw. mein Problem mit der israelischen Bürokratie lösen konnte – nach einem Monat „Illegalität“ (auch in Israel: KEIN MENSCH IST ILLEGAL) hat mich der Staat als Schüler/Studierenden anerkannt.
In den letzten Tagen regnete es in Israel wie seit Jahren nicht mehr, im Norden und in Jerusalem lag und liegt teilweise noch immer Schnee (das wollte ich mir nicht entgehen lassen, weswegen ich mich am Freitag auf den Weg dorthin machte – ein Großteil dieses Textes entstand auf der Busfahrt zurück in den Kibbuz) und es stehen Wahlen bevor (bei Gelegenheit schreibe ich zu diesen auch mal etwas). Die Zeitungen sind also voller Schnee-, Regen- und Wahlkampfstories. Das Land steht Kopf, es ist interessant zu beobachten.


Überflutete Straßen in Tel Aviv

In drei Wochen ist mein Programm hier schon vorbei und ich versuche bis dahin noch viele Eindrücke zu sammeln.

Israel 4: Trockenheit, Regen und Raketenhagel

Höchste Zeit mal wieder zu berichten. Ein Monat ist seit meinem letzten Blogeintrag vergangen. Ein Monat, in dem ich viel erlebt habe und in dem viel passiert ist. Anders als die letzten Male werde ich aber bei der Wiedergabe dessen nicht chronologisch vorgehen, sondern mit dem beginnen, was mich in der letzten Zeit beschäftigt hat.

Raketen und Granaten, die von dem Gazastreifen auf israelisches Territorium gefeuert werden, sind nichts Neues. Besonders in der zweiten Hälfte dieses Jahres häuften sich solche Angriffe. Vor zwei Wochen, am 10. November, gab es dann einen Anschlag der Hamas auf den Jeep einer israelischen Grenzpatroullie nahe Gaza und der Beschuss ziviler israelischer Ziele mehrte sich. Vier Tage später begann mit der gezielten Tötung eines Hamasfunktionärs durch die Israelische Armee die Operation Wolkensäule (Pillar of Defense).
Seitdem intensivierte die Hamas ihren Terror noch weiter und es gab keinen Tag, an dem der Süden Israels nicht mit Raketen aus dem Gazastreifen beschossen wurde. Es wurden Israelis in Kiryat Malachi und Ashkelon getötet, Menschen verletzt, zahlreiche Häuser und Autos beschädigt und die Israelische Air Force flog Angriffe auf Ziele im Gazastreifen.
Ich selbst befinde mich zwar nicht unmittelbar im Gefahrengebiet, aber irgendwie betrifft mich das ganze doch, zudem man* den Waffenstillstand, den Israel und die Hamas mittlerweile ausgehandelt haben, zunächst nicht so richtig bemerkte – die Raketen flogen weiter, auch wenn es weniger geworden sind.
Der Kibbuz, in dem ich lebe, liegt ungefähr 50 km vom Gazastreifen entfernt. Die Kurzstreckenraketen der Hamas, des islamischen Djihad etc. können hier gar nicht einschlagen, da sie solche Reichweite nicht vorweisen können. Mit anderen Raketen sieht es wiederum anders aus. Diese verwendeten Terrorist_innen aus dem Gazastreifen schon für Angriffe und trafen Ziele in Rishon LeZion, Tel Aviv und sogar in der Nähe Jerusalems – theoretisch könnte also auch der Kibbuz Naan getroffen werden. Mein „Glück“ (und anderer Menschen Pech) ist, dass die Hamas lieber dicht besiedelte Orte mit großer Symbolkraft beschiesst. Städte wie Rishon LeZion (dt. der erste in Zion; eine der ältesten zionistischen Siedlungen in Palästina) und Tel Aviv (keine andere Stadt in Israel steht für westliche Werte wie Tel Aviv dies tut) besitzen eben diese und verfügen über eine Menge potentieller Opfer – perfekte Ziele für Hamas und co.
Besonders wenn Raketen in die Richtung dieser beiden Städte fliegen, bekomme ich es mit. Sowohl Raketeneinschläge, als auch die Explosionen, die von durch den Iron Dome abgefangenen Raketen, ausgehen, kann ich hier ab und an hören. Letztere sogar sehen, was gleichzeitig beeindruckend und ziemlich beängstigend ist. Zudem sah man* bis vor dem Waffenstillstandsabkommen stündlich Jets von einer nahegelegenen Air Force Basis gen Süden fliegen – an Schlaf war nachts manchmal nicht zu denken.

Iron Dome in Aktion

Sorgen um mich selbst muss und musste ich mir hier aber dennoch die ganze Zeit nicht machen. Selbst wenn es hier wirklich mal ernst würde, ist die Bunkerdichte hier im Kibbuz noch immer sehr beeindruckend und es ist – wo ich mich auch rumtreibe – immer einer in unmittelbarer Nähe.
Im Endeffekt betreffen die Raketenangriffe mich aber nicht direkt. Was mich betrifft, sind die Folgen dieser, wie z.B. der Einzug von zunächst 30.000 und dann 75.000 Reservist_innen, unter ihnen auch Bekannte und ein Arbeitskollege aus dem Kibbuz. Auf einmal erscheint einem das Ganze viel näher, als es einem der Lärm der abgefangenen Raketen es jemals bringen könnte.

Dazu kam, dass nach einer relativ langen Zeit ohne Bombenanschläge am Mittwoch wieder in einem Tel Aviver Bus eine Bombe explodierte. Das machte mich auch noch mal ganz schön stutzig und ließ mich wieder realisieren, wo ich mich eigentlich gerade befinde. Mich erreichte die Nachricht, als ich gerade im Hebräischunterricht saß. Danach war an Unterricht nicht mehr zu denken. Jede_r rief Freund_innen und Verwandte in Tel Aviv an, um sich zu erkundigen, ob es diesen gut ginge. Als bekannt wurde, wo die Bombe explodierte, wurde die Stimmung gedrückter. Der Sohn meiner Lehrerin besucht regelmäßig eine Bibliothek in der Straße, in der der Anschlag statt fand und ein Freund einer Mitschülerin nimmt regelmäßig den Bus um zu seinem Arbeitsplatz in eben dieser Straße zu gelangen. Beiden ist glücklicherweise nichts passiert. Die Sorgen und die Ängste blieben allerdings bis zur 100%igen Gewissheit bestehen. Auch meine erste Busfahrt nach diesem Vorfall war ungewöhnlich. Ich war mir sicher, dass mir nichts passieren würde. Dennoch fühlte ich mich beim Besteigen des Busses nicht wohl. Ein Gefühl, das ich hier so noch nie hatte.

So hoffe ich auf ein Ende der (Selbstmord-)Anschläge im Inneren Israels, dass der Waffenstillstand von der Hamas bald gewissenhafter eingehalten wird und dass es zumindest etwas ruhiger wird. Langfristig hoffe ich auf eine grundlegende, alles umfassende Emanzipation in Gaza und den Ländern der arabischen Welt, die sich selbst im Krieg mit Israel sehen.

So viel zu diesem Thema, denn mein Leben hier besteht zur Zeit auch nicht nur aus Terror:
Ich bekam unter anderem Besuch von netten Menschen aus Kiriat Gat und war mit allen anderen Ulpanist_innen auf einem Zweitagesausflug im Süden. Dieser ist schöner als ich es mir je hätte vorstellen können („ist ja nur Wüste“). Zunächst fuhren wir nach Ein Ovdad, einen wunderschönen grünen Canyon inmitten der Negev. Darauf ging es nach Sde Boker, den Kibbuz, in dem David Ben-Gurion, der erste Premierminister Israels, lebte und nun mit seiner Frau begraben ist. Wir haben uns eindringlich mit der Bedeutung der Negev-Wüste für Israel und sowohl mit Ben-Gurions Leben als auch seinem Traum von der Besiedelung dieser beschäftigt.
Zum Abschluss des ersten Tages setzten wir unsere Reise weiter Richtung Osten fort, wo wir in einer Art Beduinenhotel unterkamen, Kamele ritten, sensationell gutes Essen und Tee bekamen und eine Einführung in die Geschichte der Beduinen erhielten. Besonders dieser Input war interessant, denn der Lebensstil der Beduinen in Israel hat einen großen Wandel erfahren. Sie gehören mittlerweile zu den größten Verlierer_innen in der israelischen Gesellschaft.
Nach einer kurzen Nacht in einem Zelt setzten wir den Ausflug am nächsten Tag fort, bestiegen Masada, eine alte Festung, auf der sich vor 2000 Jahren jüdische Rebellen vor den römischen Invasoren verschanzten und wir diskutierten die Symbolik dieses Ortes für den heutigen Staat Israel. Angesichts dessen, was dort passierte, ist es schon diskussionswürdig, ob diese Rebellen wirklich geeignet sind um sich positiv auf sie zu beziehen, schließlich ermordeten die jüdischen Männer ihre Frauen und Kinder und töteten anschließend sich selbst, um nicht den Römer_innen in die Hände zu fallen. Ich halte Masada nicht für geeignet, nichts desto trotz spielt des Symbol „Nie wieder soll Masada fallen!“ in Israel noch immer eine große Rolle.
Nach dem Abstieg von der Festung steuerten wir unser letztes Ziel des Ausfluges an: das Tote Meer – war ganz nett, aber nicht sonderlich interessant.

Nach der Rückkehr hieß es für mich wieder, eine Woche arbeiten zu müssen. Der erste Regen des Jahres setzte ein und hielt für einige Tage an. Zuvor hatte ich mich auf diesen Regen gefreut, aber als es dann so weit war stellte sich für mich heraus, dass es gar keinen Grund gab ihn zu vermissen. So nahmen ich und eine meine Mitschülerinnen das Angebot meines Arbeitskollegen im Café, dem Regen zu entfliehen und wieder in die Wüste und an das Tote Meer zu fahren, dankend an.
Nach einer turbulenten Fahrt, stellte er uns am Toten Meer angekommen seine palästinensischen Ex-Arbeitskolleg_innen vor und zeigte uns seinen früheren Arbeitsplatz, an dem zu dem Zeitpunkt gerade ein Hippiefestival stattfand. Das war nichts für mich, aber immerhin wurde ich mal wieder in meiner Ablehnenden Haltung gegenüber Goa und (israelischem) Trance bestätigt.

Seitdem ich wieder hier im Kibbuz bin, hat sich ansonsten nicht viel getan – das lag unter anderem auch daran, dass ich wegen Terroralarms zeitweilig den Kibbuz nicht verlassen durfte, gen Süden durfte ich wegen der Raketen ohnehin schon nicht, weswegen ich nicht so viel erlebt habe.
Ansonsten passiert nur eines: Es regnet und regnet und regnet und es scheint kein Ende zu nehmen. Das gefällt mir zwar nicht, aber Israel braucht den Regen.

Shabbat shalom!

Israel 3: בלגן ואהבה

Es gibt wieder viel zu berichten. Es sind wieder einige Wochen vergangen und es ist einiges passiert:

Yom Kippur

Unter anderem war Yom Kippur, der höchste und heiligste Tag der jüdischen Religion. An Yom Kippur geht es um Sühne, es wird gefastet, sich gegenüber anderen Menschen und gegenüber Gott entschuldigt. Es gibt am Tag keinen ÖPNV und auf den Straßen fahren keine Autos. Auch wenn es – Israel ist schließlich kein Gottesstaat – kein Fahrverbot an Yom Kippur gibt, ist es nicht empfehlenswert an diesem Tag ein Auto zu besteigen, denn einige Menschen geben sich Jahr für Jahr zum Ziel vorbeifahrender Autos zuentglasen, da deren Fahrer_innen Yom Kippur nicht achteten. Die Polizei geht dann, wenn auch eher halbherzig, gegen Steinewerfer_innen vor. Zeuge einer solchen Szenerie bin ich aber nicht geworden.
So werden an Yom Kippur aus Schnellstrassen, bei denen es im Normalfall sogar lebensgefährlich ist am Straßenrand zu laufen, zu faktischen Fußgängerzonen. Ein ungewöhnlicher Anblick und eine interessante Erfahrung.
Da die meisten anderen Teilnehmer_innen des Ulpans ihre Religion relativ ernst nehmen, hat auch ein Großteil es Ulpans gefastet: nicht gegessen, getrunken, geraucht oder sich jedweder sexueller Versuchung hingegeben.
Gerade bei 30 Grad Temperatur 25 Stunden lang nicht zu trinken ist hart und so manch ein_e (nahezu Ketten-)Raucher_in ist vom langen Verzicht auf Nikotin fast durchgedreht.
Ich persönlich habe auch (das erste Mal in meinem Leben überhaupt) gefastet. Nicht aus religiösen Gründen – sowas ist nach wie vor nichts für mich –, sondern einfach weil ich es zuvor noch nie gemacht hatte und es als neue Erfahrung gerne mitnehmen wollte. Den ganzen Tag nichts zu trinken war mir dann allerdings doch zu blöd und ich habe es beim Verzicht auf Essen belassen, was mir übrigens gar nicht mal so schlecht getan hat.
Das Fastenbrechen kurz nach dem Ende Yom Kippurs war von den meisten schon zuvor geplant worden und es wurden ganze mehrgängige Menüs gekocht. Bei mir viel die erste Mahlzeit nach 25 Stunden allerdings eher jämmerlich aus. Ich hatte mich eher kurzfristig entschlossen zu fasten und dementsprechend vor dem Beginn des für Jüd_innen heiligen Tages nichts besonderes eingekauft. Im Endeffekt behalf ich mir mit Marmeladenbrot und Cornflakes.
Anhand der unterschiedlichen Durchführung Yom Kippurs lässt sich auch auf Unterschiede zwischen (insbesondere jungen) Kibbuzbewohner_innen auf der einen Seite und Ulpanteilnehmenden und vielleicht auch der israelischen Gesellschaft insgesamt auf der anderen Seite schließen, denn während nahezu alle Ulpanist_innen fasteten, konnte man durch den Kibbuz schländern, Kibbuzniks grillen riechen oder in das geöffnete Schwimmbad gehen und dort Pommes und Eis essen.
Die Synagoge, die ich an diesem Tag im Gegensatz zu Rosch HaShana, dem jüdischen Neujahr, nicht besucht habe (der Besuch dort war für mich eher befremdlich – wie gesagt: Religion ist und bleibt nichts für mich), zog zwar für Yom Kippur von der kleinen Kibbuzsynagoge in das große Gemeinschaftshaus. Dennoch quoll sie nicht gerade über und das obwohl – ähnlich dem christlichen Kirchenbesuch an Weihnachten – selbst viele säkulare und weniger religiöse Menschen üblicherweise an Yom Kippur die Synagoge besuchen.
Religion scheint für die meisten Menschen im Kibbuz eine eher untergeordnete Rolle zu spielen, was ich ziemlich sympathisch finde.

Jerusalem

Den Shabbat nach Yom Kippur beschloss ich in Jerusalem zu verbringen. Die Stadt selbst kenne ich zwar schon von mehreren Aufhalten relativ gut, aber ich wollte noch Freund_innen besuchen, die ich beim ASF Sommercamp kennengelernt hatte und in die Jerusalem wohnen. So machte ich mich gemeinsam mit einer griechischen Mitschülerin aus dem Ulpan mit dem letzten Bus vor dem Beginn des Shabbat (danach kann man günstiges Rumreisen in den meisten Teilen Israels vergessen) auf den Weg. Eigentlich hatten wir uns vorgenommen uns während der Fahrt hebräische Vokabeln abzufragen, „die Krise“, von der Griechenland ja besonders betroffen ist und die dort vermehrt soziale Proteste, in Deutschland hingegen chauvinistische und nationalistische Reaktionen hervorrief, war als Gesprächsthema dann aber doch interessanter.
Wir kamen dann auch rechtzeitig zum Beginn des Shabbat in Jerusalem an, so dass wir weder einen Bus noch die Tram von der Central Bus Station zu unseren Zielen in Jerusalem nehmen konnten. Unsere Wege trennten sich: Ich musste laufen, aber letzten Endes kam ich bei Or an – nahezu Zeitgleich mit der Shabbatsirene, die im Zentrum der Stadt zu hören ist. Wir unterhielten uns noch nett und ich konnte mich noch ein bisschen von meinem Reise- und Arbeitstag erholen, bevor wir in uns ins Jerusalemer Nachtleben stürzen wollten.
Zunächst ging es ins Video, eine kleine queere Bar, deren Betreiber_innen Or gut kennt. Danach ging es in einen anderen netten queeren Schuppen, der ironischerweise Mikveh heisst. Diesen kannte ich schon von der Aftershowparty der Jerusalemer Gay Pride Parade, die wir im Zuge des ASF-Sommercamp Programmes besuchten und dort stießen wir auch auf Chen und Yuval. Wir hatten dort eine nette, wenn auch nicht so ewig lange Zeit, ich lernte einige neue Menschen aus Israel und einen Genossen auf Nahost-Rundreise kennen, der mich aufgrund meines T-Shirts ansprach.
Am nächsten Abend, ging es ausgeschlafen, aber noch verkatert mit dem ersten Bus zurück in den Kibbuz. Am nächsten Tag sollte vor dem Beginn der Sukkotfeierlichkeiten mit Erev Sukkot (Sukkotabend) noch Unterricht stattfinden

Sukkot:
Haifa – Tiwon – Akko

Erev Sukkot, der Beginn des einwöchige Laubhüttenfestes, wird wie die meisten Abende zu Beginn jüdischer Feiertage im Kibbuz gemeinsam zelebriert. Es gibt dann ein großes gemeinsames Essen und anschließend Auftritte von Tanzgruppen und Chören, die aus Schüler_innen des Kibbuz bestehen. Dieses mal fand das ganze im Freibad des Kibbuz statt und es gab u.a. auch eine Synchronschwimmeinlage.

Nach drei Arbeitstagen hatten wir dann 5 Tage frei und ich entschloss mich die Zeit zum Reisen zu nutzen. Die Wahl meines ersten Reiseziels fiel auf Haifa, denn dort war ich noch nie zuvor gewesen und in einer nahe gelegenen Stadt könnte ich einen früheren Mitschüler besuchen, der dort momentan volontiert.
So machte ich mich dann mit der Bahn auf den Weg nach Haifa (an dieser Stelle wäre es mal wieder angebracht eine Lobeshymne auf die israelische Bahn anzustimmen. Das spare ich mir jetzt aber. Hab‘ ich ja schließlich schonmal gemacht.)
Nach einer kurzen, aber anstrengenden – egal wo man in Haifa auch hin will; es geht bergauf – Tour zu Fuß durch Haifa, mit Stops an den touristischen Orten Haifas (z.B. Bahai-Gärten, German Colony, Yefe Nof St., Hafen), ging es für mich dann gegen Abend mit dem Sherut weiter nach Kiryat Tiwon. Dort besuchte ich Helge und seine WG. Noch am Abend bekam ich durch Helge eine kleine Führung durch Tiwon und am nächsten Tag fuhren wir mit einer seiner Mitvolontär_innen nach Akko. Das war, obwohl der Shabbat bald einsetzte, kein großes Problem. Kiryat Tiwon liegt zwischen Haifa und Nazareth, das ein beliebtes Reise- und Pilgerziel für Christ_innen ist, denen der Shabbat schnurz egal ist. Daher pendeln die Busse einer speziellen Busgesellschaft auch an Samstagen und Freitagabenden zwischen den beiden Städten und halten in Tiwon. Wenn Haifa erstmal erreicht ist, ist auch die Weiterreise kein Problem mehr. Moniot Sherut fahren quasi immer und wenn man einen dieser Kleinbusse sieht, muss man sich nur bemerkbar machen und wird eingesammelt.
So kamen wir dann auch in‘s arabische Akko. Helge war schonmal da gewesen und führte uns durch die Altstadt. Akko ist die älteste Hafenstadt der Welt und erinnerte mich an bisschen Yafo, nur dass die Altstadt mit seinem arabischen Flair, den Händler_innen und Marktständen wesentlich authentischer ist, als Yafo, in dessen Altstadt sich eigentlich nur noch Souvenirläden und Ateliers befinden. Der Besuch in Akko, war auf jeden Fall interessant und schön. Vor allen Dingen beim einsetzenden Sonnenuntergang auf der Hafenmauer zu sitzen und den (scheinbar lebensmüden) einheimischen Jugendlichen, bei ihren Sprüngen ins Wasser zuzuschauen war nett. Bald darauf ging es dann aber auch wieder zurück nach Tiwon, wo ich eine weitere Nacht verbrachte ehe ich mich wieder nach Tel Aviv aufmachte.

Tel Aviv – Magda

Ich stand am nächsten Morgen früh auf, nahm einen der Pilgerbusse nach Haifa und fuhr von dort mit einem Sherut weiter nach Tel Aviv, wo ich gegen späten Nachmittag eintraf, in meinem Hostel unweit des Strandes (Empfehlung: günstig und dafür garnicht mal soooo ranzig) eincheckte und dann schnurstracks zum Clara‘s im alten Delfinarium eilte. Dort sollte das „Endless Summer Open Air“ mit Magda als Headlinerin stattfinden. Die Party war unglaublich schön. Die Acts vor Magda nicht schlecht, das Set von Magda richtig gut und der Blick vom Delfinarium aufs Meer und Yafo unschlagbar. Als die Sonne zum Set von Magda unterging, hätte es gar nicht mehr besser werden können.
Fusionist_innen aus Israel habe ich auch kennen lernen dürfen und hatte alles in allem einen netten Tag (ja – Tag. Das ganze war eine „Day Party“ und endet um 23 Uhr).

Schön war es schon, komisch aber dennoch. Das Delfinarium besitzt nämlich besonders in Israel traurige Berühmtheit. Am 1. Juni 2001, während der zweiten Intifada, sprengte ein Attentäter sich vor dem Club in die Luft, tötet dabei 21 junge Israelis und verletzte 132 Menschen. Dort zu tanzen, wo für andere Menschen vor etwa zehn Jahren die Party so abrupt, endete ist schon komisch.

Die erste Hälfte des nächsten Tages verbrachte ich mit meinen südafrikanischen und amerikanischen Zimmergenossen und bevor ich in den Kibbuz zurückkehrte besuchten wir die Altstadt von Yafo.
Noch am Abend des gleichen Tages fanden in Naan die Feierlichkeiten zum (wenn ich mich nicht irre) 82. Geburtstag des Kibbuz statt. Im Großen und Ganzen wurde diese Feier wie im Kibbuz üblich begangen. Kinderchor, Tanzeinlage, Band und Kaffee und Kuchen. Zusätzlich dazu gab es dieses Mal aber auch Freibier und Gratiswein – es wurde eine lustige und feucht-fröhliche Feier.

Kiryat Gat

Das Wochenende später fuhr ich nach Kiryat Gat. Bevor ich von Lukas erfuhr, dass er dort in einem Kinderheim arbeiten würde, kannte ich die Stadt noch nicht einmal. Kein Wunder; besonders viel zu bieten hat sie auch nicht. Ich wurde gar bemitleidet, dass ich dorthin führe und mir wurde geraten ich solle lieber nach Rehovot fahren oder im Kibbuz bleiben – beides ist bei jüngeren Kibbuzniks nicht sonderlich hoch im Kurs.
Ein schönes Wochenende hatte ich schließlich doch, auch wenn ich es (nach einigen Komplikationen bei der Anreise) in Kiryat Gat verbrachte. Ich durfte unter anderem mit der Gruppe, die Lukas im Kinderheim betreut, das Shabbatessen einnehmen und wurde herzlich willkommen geheißen. Abends hatten wir noch ein schönes Lagerfeuer und leckeres Stockbrot. Der nächste Tag wurde hauptsächlich verschlafen, aber am Ende bin ich zufrieden mit dem Bus nach Hause gefahren.

Goa

Das letzte Wochenende wollte ich eigentlich in Jerusalem verbringen. Daraus wurde kurzfristig nichts, also bin ich seit „langer“ Zeit mal wieder im Kibbuz. Das heißt: Letztendlich bin ich doch noch aus dem Kibbuz rausgekommen, denn wir fuhren mit etwa 15 Leuten irgendwo in die Wüste auf eine Party. Die war zwar eher semi-gut. Es wurde ausschließlich Goa, Trance und Dubstep gespielt, dafür zahlten wir alle einmalig 50 Shekel und konnten so viel trinken wie wir wollten. So konnte man sich Goa auch erträglicher machen.

Fazit

Ihr lest – wenn ihr alles gelesen habt, habt ihr meinen Respekt – mir geht es gut. Zwischendurch bin ich mit lernen, arbeiten oder auch nichts tun beschäftig. Gehe in den Pub, verbringe Zeit mit Kibbuzniks und Ulpanist_innen oder schaue Basketball (wir bauen gerade eine UlpanUltras-Gruppe für Hapoel Naan auf und schwenken rote und israelische Fahnen. ;) )
Ansonsten fühle ich mich hier manchmal wie im Dschungelcamp. Es gibt viel Drama um nichts ab und zu fliegt mal wer raus (für klauen, kiffen, Arbeit schwänzen etc.) und wenn sich einzelne Leute nicht an die Regeln halten, wird der ganzen Gruppe der Schokoaufstrich gestrichen.
Bock bis zum Ende mitzumachen und eine Art „Kibbuzulpankönig“ zu werden, habe ich aber dennoch.

Israel 2: Die ersten Wochen – Arbeit – Unterricht – Ausflüge

Shalom. Bei mir hat nun schon vor einiger Zeit der Alltag begonnen. Im Gegensatz zu den ersten 3 Tagen, in denen ich den ganzen Tag über nichts zu tun hatte und dementsprechend meine Zeit in der Sonne am Pool verbracht habe, muss ich nun Arbeiten und den Unterricht besuchen.
Ich habe – je nach Wochentag – entweder fünf Zeitstunden Hebräischunterricht und einen freien Nachmittag oder sieben Stunden Arbeit am Morgen und 3 Stunden Ulpan am Nachmittag. Mein Hebräisch macht Fortschritte. Zur Zeit bin ich in „Kita Alef“, also im Anfängerkurs, habe aber die Möglichkeit zu den Fortgeschrittenen in „Kita Bet“ zu wechseln. Übergangsweise werde ich beide Klassen besuchen um zu sehen was am besten zu meinem Hebräischlevel passt. Dafür werde ich dann weniger arbeiten müssen.
Das klingt an sich gar nicht schlecht, aber ich finde es fast ein bisschen schade, da ich meinen aktuellen Job sehr mag. Während ich zu Anfang noch auf dem Ulpangelände Hausmeister_innen- und Gärtner_innentätigkeiten zu verrichten hatte, bekam ich glücklicherweise nach eineinhalb Wochen einen neuen Job zugeteilt. Nun arbeite ich im „Orli“, dem einzigen Café im Kibbuz Naan. Dort besteht meine Arbeit zwar auch nur aus dem Abwaschen des Geschirrs, dem Schneiden von Salat und Gemüse und dem Zubereiten von Frühstückstellern, aber ich genieße es sehr dort zu arbeiten, da ich sehr nette Kolleg_innen habe, mit denen ich sehr nette Gespräche führe. So ist ein jeder Arbeitstag in der Küche des Cafés auch eine Lehrstunde in Sport, Kultur und israelischem Selbstverständnis. Nebenbei verbessere ich dort auch noch meine Hebräischkenntnisse, da ich momentan der einzige Ulpanteilnehmende bin, der dort arbeitet.
Auch sonst habe ich es hier sehr nett. Ich lerne viele Menschen aus Israel und der ganzen Welt kennen, mit denen ich eine gute Zeit verbringe, egal ob im kibbuzeigenen Pub, dem Café, dem Ulpan oder auf kleinen Ausflügen nach Rehovot. Auch vom Ulpan aus haben wir schon einen Tagesausflug nach Jerusalem gemacht und dort die City of David, den Mount Herzl und die Altstadt besucht. Das alles war zwar nicht unbedingt neu für mich, aber durch die Touristenführerin der Jewish Agency for Israel war es höchst interessant.
Auch wenn ich die Zeit im Kibbuz genieße, versuche ich an den Wochenenden möglichst aus dem Kibbuz rauszukommen (und meine Zeit nicht gerade in Rehovot zu verbringen). In den vergangenen freien Tagen, zu denen auch Rosch HaSchana (daher an dieser Stelle Schana tova / Frohes neues Jahr) gehörte, habe ich es dann so halbwegs auf eigene Faust nach Jerusalem und Tel Aviv geschafft. Nach Tel Aviv bin ich mit einer Mitschülerin im Ulpan von Rehovot mit dem Zug gefahren und ich konnte mal wieder feststellen wie günstig das Zugfahren ist. Man stelle sich einmal vor in Deutschland für eine Fahrtdauer von 30 Minuten weniger als drei Euro zu zahlen. Dennoch habe ich den Eindruck, dass die Züge kaum genutzt werden, denn immer wenn ich in Israel die Bahn genommen habe um von Punkt A zu Punkt B zu gelangen waren die Wagons gähnend leer. In Tel Aviv habe ich mich dann mit Freiwilligen aus Kiryat Gat (hier ihr Blog) getroffen, die ich schon aus Deutschland kannte und mit denen ich die Nacht am Strand von Tel Aviv verbrachte. Sie erklärten sich netterweise auch dazu bereit mich einige Tage später über die freien Tage von Rosch HaSchana mit dem Auto in Naan einzusammeln und mich mit nach Jerusalem zu nehmen. So verbrachte ich noch zwei Tage in Jerusalem.

Viel mehr gibt es dann auch gar nicht zu berichten. Die nächsten Wochen werden sicherlich entspannt, da mit YomKippur und Sukkot hohe jüdische Feiertage anstehen und ich mehr freie Tage als Schul- und Arbeitstage haben werden.
Ich werde mich bei Gelegenheit mal wieder melden und wünsche nochmals ein frohes neues Jahr. Schana tova! !שנה טובה